Wenn „Legacy“ nicht nur Code bedeutet – sondern Verantwortung

Viele unserer Kunden kennen das Gefühl: Ein Softwareprodukt läuft seit Jahren stabil, ist tief in Prozesse und Integrationen eingebettet – und trotzdem wächst der Druck, zu modernisieren. In der Industrie hängen Produktions- und Lieferketten daran, in der öffentlichen Verwaltung ganze Fachverfahren, Schnittstellen und Abläufe. Ein solcher Druck färbt auch auf den Softwarehersteller ab.

Jan Falkenberg (Head of Product, SQL Projekt AG) bringt in seinem Vortrag einen Gedanken auf den Punkt, der in der Praxis oft unterschätzt wird: Entscheidend ist nicht nur das Alter des Produkts, sondern vor allem die „Seniorität“ der Nutzer – also wie lange Kunden bereits damit arbeiten und wie tief sie es in ihre Organisation eingebaut haben. 

Und genau daraus entsteht die zentrale Spannung, die jedes reife Produktmanagement kennt: Stabilität & Kontinuität auf der einen Seite, Innovation & Transformation auf der anderen.

Mit diesen vier Strategien, lässt sich dieser Spagat in der Praxis besser beherrschen – ohne Modernisierung zu blockieren und ohne Bestandskunden vor den Kopf zu stoßen.

Jan Falkenberg bei DecompileD 2026

Strategie 1: Breite, proaktive Kommunikation – bevor Sie Veränderung verlangen

Langjährige Kunden bleiben oft nicht wegen der neuesten Features, sondern wegen Verlässlichkeit. Dieses Vertrauen muss aktiv gepflegt werden – besonders dann, wenn Veränderungen anstehen.
Worum geht es inhaltlich? Nicht um Marketing-Sprech, sondern um Orientierung:

  • Wohin entwickelt sich der Markt?

  • Warum muss sich das Produkt verändern?

  • Was passiert, wenn man es nicht tut?

  • In welche Richtung geht die Roadmap?

Der Punkt dahinter ist strategisch: Wer früh und konsistent kommuniziert, „reinforcing trust“ – und schafft Akzeptanz, bevor Kunden überhaupt migrieren oder umlernen müssen.

Strategie 2: Core Stability + Product Expansion – Innovation als Opt-in, nicht als Zwang

Der zweite Hebel ist ein sehr pragmatisches Prinzip: Der Legacy-Kern bleibt stabil, während Innovation „daneben“ entsteht. Falkenberg nennt es „Core Stability with Product Expansion“. 

Konkret:

  • Bestehende Workflows, Integrationen und Konfigurationen bleiben unangetastet: „Nothing breaks, nothing changes for them.“ 

  • Neue Funktionen kommen als optionale Module (opt-in), die Kunden in eigenem Tempo übernehmen können. 

  • Zusätzlich kann das Produkt in angrenzende Domänen erweitert werden (neue Use Cases, neue Integrationen), ohne den Bestand zu destabilisieren. 

Das adressiert unterschiedliche Kundentypen gleichzeitig: Innovationsfreudige können vorangehen, risikoscheue Kunden bleiben stabil – bis sie bereit sind.

Strategie 3: Plattform-Strategie – Innovation „oben drauf“ statt „im Kern“

Wenn Produkte reifen, steigt der Wunsch nach Erweiterbarkeit: Partner, interne Teams oder fortschrittliche Kunden wollen ergänzen, ohne den Kern anzufassen. Genau hier setzt die Plattform-Strategie an: eine Extension-Layer über APIs/SDKs, auf einem stabilen Kern.

Der Nutzen ist doppelt:

  • Senior-Kunden behalten ihre bewährten Oberflächen und Integrationsmuster („old UIs“ etc.) und müssen nichts ändern.
  • Innovatoren bauen neue Fähigkeiten „on top“ – und erweitern damit das Ökosystem.

Strategie 4: Klare Deprecation-Strategie – „Sie fürchten nicht Change, sie fürchten Überraschungen“

Die vierte Strategie ist unsexy, aber entscheidend: Deprecation sauber managen. Falkenberg bringt die Psychologie seniorer Kunden prägnant auf den Punkt: „Senior customers do not fear change as much as they fear surprises.“

Was daraus folgt:

  • Lange Deprecation-Zeiträume: zwei, drei, manchmal vier Jahre Vorlauf, bevor etwas Signifikantes entfernt wird. 

  • Migration Path vor dem Replacement-Release: Kunden müssen nicht nur wissen, dass etwas endet, sondern exakt, was sie stattdessen tun sollen. 

  • Anreize schaffen (z. B. neue Funktionalität, bessere Konditionen, Migrationssupport). 

  • Bei Security/Vulnerabilities kann es schneller gehen – aber auch dann braucht es klare, frühe Kommunikation und einen Plan.

Fazit

Legacy-Produkte werden nicht dadurch zukunftsfähig, dass man ihren Kern radikal austauscht, sondern indem man Stabilität und Weiterentwicklung klug miteinander verbindet. Wer proaktiv kommuniziert, Innovation optional gestaltet, Erweiterbarkeit über Plattformprinzipien ermöglicht und Veränderungen planbar macht, schafft genau das, was Bestandskunden heute brauchen: Verlässlichkeit ohne Stillstand. Die zentrale Botschaft lautet deshalb nicht „weg vom Legacy“, sondern: reife Produkte so weiterentwickeln, dass Vertrauen, Investitionen und Zukunftsfähigkeit zusammenpassen. Wer sich zu diesen Fragen mit Jan Falkenberg austauschen oder vernetzen möchte, kann dies gern über sein LinkedIn-Profil tun.

Jan Falkenberg
Post by Jan Falkenberg
17 April 2026
Als Mitgründer von Wandelbots hat Jan Falkenberg das Unternehmen von einer kleinen Gruppe von fünf auf ein dynamisches Team von 200 Mitarbeitern ausgebaut. In seiner Rolle als CTO initiierte er erfolgreich Kooperationen, setzte strategische Richtungen, trieb technologische Innovationen voran und optimierte die Teamorganisation. Derzeit verantwortet Jan Falkenberg als Head of Product die Produktentwicklung bei Transconnect. Mit seiner umfassenden Erfahrung und Expertise entwickelt er dort weiterhin herausragende technologische Lösungen.